Des Lebens Wert: Wieviele Wochen, wieviel Gram(m) entscheiden? Gedanken zum Film 24 Wochen.

Letzte Woche feierten wir den Geburtstag einer jungen Frau aus unserer Verwandtschaft, die ich sehr ins Herz geschlossen habe. Sie hatte, ähnlich wie unser kleiner Räuber, Komplikationen bei der Geburt gehabt und niemand weiß genau warum. Ihre Entwicklung war deshalb ungewiss und jeder Schritt eine Herausforderung für sie und die ganze Familie. Heute kann sie soviel, wohnt jetzt sogar in einer WG und wir sind alle so stolz auf sie. Die junge Lady ist selbstbewusst und einfühlsam, einer meiner liebsten Babysitter. Zu unserem Sohn sag ich immer sie ist unser Idol. Ja, ein Mädchen mit Handicap ist unser Vorbild. Wie irritierend, dass an ihrem Geburtstag der Film „24 Wochen“ ins Kino kam. Er thematisiert das Tabuthema Spätabtreibung und ich habe ihn noch nicht gesehen, aber viel dazu gelesen und angehört u.a. das Interview mit seiner Regisseurin Anne Zohra Berrached.

Das fiktive Baby hätte (angeblich) Downsyndrom und eine Herzfehler. Ich muss an B* denken. Der inzwischen erwachsene Sohn einer guten Bekannten von mir. Immer wieder musste er und seine Eltern gefährliche Operationen mit m durchstehen, er wird sie als Fürsprecher immer brauchen. Der junge Mann wohnt inzwischen nicht mehr zu Hause, er ist sehr lebenslustig – spricht nicht, aber er reist. Wäre er das Baby in 24 Wochen gewesen, hätte er nie ein anderes Land oder einen Menschen kennen gelernt.

Der Film, der neben Spielfilmsequenzen auch dokumentarisch anmutende und improvisierte Sprechszenen mit echten Ärzten/innen enthält, soll nicht verurteilen oder rechtfertigen, erklärt Berrached. Es handelt sich um ihren Abschlussfilm an der Filmakademie Ludwigsburg.

Der Stadt in der unser Sohn auf der Neo-Intensiv die ersten Lebenswochen lag, beamtet und umgelagert wurde. (Befremdlich so viele Überschneidungen). Mit ihm waren viele Frühchen auf der Station, zarte zerbrechliche Wesen, die doch so oft eine ungeheure Stärke in sich tragen. Was ich dort erst erfuhr: Dass auch diese kleinen, eigentlich gesunden Babys ein erhöhtes Risiko haben, krank oder behindert zu werden. Bei manchen löst sich die Netzhaut, sie können erblinden. Andere haben Probleme mit der Lunge oder zur Frühgeburt noch einen Sauerstoffmangel erlitten.Die Ärtze/innen und die Krankenpfleger/innen Team tun was in ihrer Macht steht, um diese kleinen Geschöpfe zu retten. Manche sind erst in der 23, 24 oder 25 Woche – und das ist der Moment, der mich sehr nachdenklich macht.

In Deutschland ist eine Spätabtreibung aufgrund einer Behinderung bis zur Geburt möglich. Das Kind im Spielfilm wird in der 24 SWS abgetrieben. Eigentlich ist der Begriff eine Verharmlosung. (Bei einer Gewalttat gegenüber einer Schwangeren gilt es als Totschlag, wenn es das Ungeborene nicht überlebt.) Diese Spätabtreibung erfolgt in der Regel durch eine Giftspritze ins Herz. Das Kind, das als künstlich erzeugte Totgeburt zur Welt kommt, hätte als Frühgeburt vielleicht schon leben können.

Besonders fragwürdig und bedenklich finde ich, dass die Pränataldiagnostik heute noch so oft daneben liegt! Zwei Freundinnen von mir wurde in den letzten Jahren mitgeteilt ihr Kind wäre behindert oder schwer herzkrank. Beiden rieten die Mediziner zu einer Schwangerschaftskonfliktberatung zur Vorbereitung einer möglichen Abtreibung. Doch sie lagen Gott sei Dank daneben. Die Kinder sind heute gesund, sie leben, weil die Mütter ihrem Bauch vertrauten.

Die Entscheidung in dieser fortgeschrittenen Schwangerschaftsphase gegen das Kind wird immer ein Trauma hinterlassen – es ist wie eine Fehl- oder Totgeburt, ein furchtbarer Moment der Verlust des eigenen Kindes. Verwandte von uns durchlitten das. Ihre Ehe zerbrach daran, sie leiden noch heute unter der Entscheidung, fühlen Schuld und Ohnmachtsgefühle, wenn sie an damals denken.Warum werden Eltern in so einer Dilemma-Situation alleine gelassen? Weshalb besteht diese unmögliche Ausnahme-Option? Warum kann ein schwer krankes Kind nicht zu Welt kommen und falls es wirklich nicht lebensfähig ist, dann in Frieden sterben? Haben Menschen ethisch gesehen das Recht einem (vermeintlich) behinderten oder chronisch krankem Kind  – zu diesem späten Zeitpunkt der Schwangerschaft – sein Lebensrecht abzusprechen?

Es gibt keine Garantie auf für ein gesundes Kind für niemanden, manche Babys werden zu früh geboren und sind dadurch behindert, bei manchen genetischen Defekten wird das erst im Laufe der Jahre sichtbar. Andere haben einen Unfall im Kindesalter, eine OP geht schief…. unser Sohn war gesund. Keine Komplikationen gab es in der Schwangerschaft, keine Warnsignale,  erst die Geburt löste seine Behinderung aus. Manche Eltern mit behinderten Kindern sagen, sie wollen auf keinen Fall ein zweites Kind das behindert ist. Ich verstehe sie, verstehe auch die Eltern im Film. Aber ich fühle für mich, dass ich es nicht richtig finde. (Man kann ähnlich wie bei der Debatte um die Burka gegen die Burka und auch ihr Verbot gleichzeitig sein.) Es schmerzt einfach. Ein Kind mit Behinderung ist und bleibt ein Kind, ein Geschenk – aber auch eine teilweise erdrückende Aufgabe mit ihm den Alltag und Krisenzeiten zu erleben und überleben.

WANN IST EIN MENSCH EIN MENSCH? Ab wievielen Wochen zählt ein Menschenleben, ab wieviel Gramm ist ein Leben ein Leben?

Gram löst jede Entscheidung aus.

 

 

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6 Kommentare zu „Des Lebens Wert: Wieviele Wochen, wieviel Gram(m) entscheiden? Gedanken zum Film 24 Wochen.

  1. Ich habe den Film auch noch nicht gesehen und weiß ehrlich gesagt auch nicht, ob ich das irgendwann werde. Ich kann Dir gefühlsmäßig absolut folgen. Habe auch schon oft daran gezweifelt, ob es Sinn macht, Menschen vor eine solche Entscheidung zu stellen. Umso weiter im Bereich der pränataldiagnostik geforscht wird, umso unübersichtlicher werden die sogenannten Erkenntnisse. Nicht nur, dass sie häufig daneben liegen, oft werden einfach Dinge gesehen, deren Bedeutung und Konsequenzen für ein Leben niemand vorhersagen kann. Es macht mich unheimlich wütend, wie defizitorientiert das alles läuft. Auch, wenn ich Forschung nicht pauschal verteufeln will, es werden nur leider zu viele existenzielle Entscheidungen gefällt.

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    1. Liebe Katze 1810,
      diese Wut kann ich auch spüren, immer wenn ich das Gefühl habe dass Menschen Gott spielen und man als (werdende) Eltern Entscheidungen treffen soll die eigentlich unmöglich sind. Wir meinen heute soviel zu können doch was wissen wir schon? Ich für meinen Teil will nicht alles erfahren was möglich ist, erst Recht weil soviel Panik gemacht wird und zahlreiche Fehler unterlaufen. Die Fixierung auf Defizite ist unerträglich gerade mit Nachwuchs der sowieso vieles nicht kann oder je können wird. Ich streiche inzwischen konsequent solche Stellen und Ärzte, die uns nicht gut tun!

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  2. Unser Kind wurde in der 24 SSW geboren. Die Ärzte sagten uns, dass über die Einstellung der intensivmedizinschen Massnahmen ab jetzt nur noch die Etikkommision entscheidet. Als Eltern hat man keinen Einfluss mehr.
    Mit diesem Wissen mutet die Elternentscheidung zur Abtreibung seltsam an….

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    1. Das ist schlimm, wenn man als Eltern dabei nicht mit reden kann. Bei uns kam auch 2-3 mal die Ethikkommision zusammen. Wir wurden davor immer gefragt wo wir stehen. das war sehr schwer -so lange er zeigt er will leben, unterstützen wir ihn. Falls sei Kreislauf zusammen bräche, wussten wir nicht was zu tun sein. wir wollten warten ob es dazu kommt. Es war seit dem nie der Fall. Selbst ohne Sauerstoff, schnaufte er ganz allein, begierig zu leben!

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  3. Du sprichst mir aus dem Herzen. Ich habe den Film nicht gesehen, aber ich denke in so vielem gleich wie du. Es gibt keine Garantie im Leben. Es gibt kein „Recht auf ein gesundes Kind“.
    Wenn das Kind später aus irgendeinem Grund behindert oder sonst pflegebedürftig wird (Unfall, Krankheit…) bringt man es ja auch nicht einfach um, oder?

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    1. Liebe Chutzpi,
      Ja auch bei Angehörigen wie den Eltern weiß man ja nie was noch kommen wird. Niemand hat eine Garantie auf Gesundheit. Ich liebe auch den Ausspruch von Weizäcker: „Nicht behindert zu sein ist kein Verdienst, sondern ein Privileg das man leicht verlieren kann.“ Grüße Verena Sophie

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